„Wie viel Überfettung nimmst du?“ – das ist eine der Fragen, die mir in den Livesprechstunden in der Seifenoper® mit am häufigsten gestellt wird. Und fast immer schwingt dabei eine kleine Unsicherheit mit, so als gäbe es eine geheime richtige Zahl, die alle kennen, nur man selbst nicht. Dabei steckt hinter der Überfettung kein Hexenwerk – sondern einer der Hebel, mit denen du entscheidest, für welche Bereiche sich deine Seife hinterher eignet bzw. wie sich deine Haut nach dem Waschen anfühlt.
Weil der Begriff aber gleichzeitig so oft missverstanden wird, möchte ich dir hier in Ruhe erklären, was Überfettung wirklich ist – und genauso wichtig: was sie alles nicht ist.
Kurzantwort: Überfettung ist der Anteil an Ölen und Fetten in deinem Rezept, der bewusst nicht verseift wird. Diese freien Fette bleiben in der fertigen Seife und pflegen deine Haut beim Waschen. Du erreichst sie, indem du etwas weniger Lauge (NaOH) einrechnest, als nötig wäre, um alle Fette zu verseifen. Für Körperseife sind 5–10 % üblich.
Was bringt dir die Überfettung?
Beim Seifensieden reagiert Lauge mit Fett – diese chemische Reaktion heißt Verseifung, und am Ende entsteht daraus Seife. Würdest du exakt so viel Lauge nehmen, dass jedes einzelne Fettmolekül verseift wird, hättest du eine sehr reinigende, aber auch ziemlich strenge Seife. Schön zum Putzen, weniger schön für deine Haut.
Genau hier kommt die Überfettung ins Spiel. Du rechnest absichtlich ein bisschen weniger Lauge ein. Das Ergebnis: Ein Teil deiner wertvollen Öle bleibt unverseift (oder teilverseift) in der Seife und legt sich beim Waschen wie ein feiner Pflegefilm auf die Haut. Deine Seife reinigt – aber sie zieht der Haut nicht jedes bisschen Fett ab.
Übrigens hat genau dieses bewusste „zu wenig Lauge“ noch einen zweiten Namen: Manche sagen lieber Laugenunterschuss – weil rein rechnerisch ja nicht die Fette im Überschuss sind, sondern die Lauge im Unterschuss. Fachlich völlig korrekt. Mir persönlich klingt das ein bisschen oberlehrerhaft, und in der Praxis denkst du beim Sieden ohnehin vom Pflegeöl her und nicht von der fehlenden Lauge. Gemeint ist aber dasselbe: Du lässt absichtlich einen Teil Fett unverseift. Ob du es Überfettung oder Laugenunterschuss nennst, ist am Ende Geschmackssache.
Die Überfettung ist damit eine der wichtigsten Stellschrauben für das Hautgefühl deiner Seife. Sie entscheidet mit darüber, ob sich dein Stück mild und cremig anfühlt oder kräftig schäumend und reinigend.
Wie viel Überfettung ist sinnvoll?
Eine pauschale „richtige“ Zahl gibt es nicht – aber gute Richtwerte:
- 5–8 % sind der klassische Allrounder für Körperseife. Mild genug fürs tägliche Waschen, fest genug für ein langlebiges Stück.
- 1–3 % nimmst du für Seifen, die stark reinigen oder besonders hart und ergiebig sein sollen – etwa Seifen mit hohem Kokosanteil oder Haushalts-/Putzseifen.
- 10–15 % sorgen für ein sehr reichhaltiges, pflegendes Gefühl, zum Beispiel bei Gesichts- oder Rasierseifen. Der Preis dafür: Das Stück wird weicher, schäumt verhaltener und neigt eher dazu, ranzig zu werden.
Wichtig: Die Überfettung ist kein Bauchgefühl, das du beim Anrühren „dazugibst“. Sie gehört in deine Rezeptberechnung – jeder seriöse Seifenrechner hat dafür ein eigenes Feld. Du stellst dort deinen Prozentsatz ein, und das Tool reduziert die Laugenmenge entsprechend.
Was Überfettung NICHT ist
So oft, wie ich nach der Überfettung gefragt werde, so oft begegnen mir auch dieselben Missverständnisse. Räumen wir sie auf.
1. Überfettung macht deine Seife nicht „fettig“
Das ist die hartnäckigste Sorge von Anfängerinnen: „Wenn da ungenutztes Öl drin ist, schmiert mein Stück doch?“ Tut es nicht. Die freien Fette sind fein in der Seifenstruktur eingebunden und werden erst beim Waschen frei. Eine gut gereifte, mit 7 % überfettete Seife fühlt sich trocken an und hinterlässt keinen Fettrand auf der Seifenschale.
2. Überfettung ist kein Sicherheitspuffer, den du dir sparen kannst
Manchmal höre ich: „Ich überfette einfach ordentlich, dann kann mit der Lauge nichts schiefgehen.“ Das ist nur halb richtig. Ja, eine Überfettung sorgt dafür, dass am Ende keine freie Lauge in der Seife landet. Aber sie ersetzt nicht das saubere Rechnen. Wenn du dich beim Abwiegen vertust, hilft dir auch eine hohe Überfettung nicht. Erst rechnen, dann sieden – immer.
3. Mehr Überfettung ist nicht automatisch „besser“
Es klingt verlockend: viel Überfettung = viel Pflege. In der Praxis handelst du dir mit jedem zusätzlichen Prozent aber auch Nachteile ein. Das Stück wird weicher und wäscht sich schneller weg, der Schaum wird weniger, und die überschüssigen Fette können (je nach Rezeptzusammensetzung) mit der Zeit ranzig werden – die gefürchteten orangen Flecken (DOS) lassen grüßen. Überfettung ist eine Abwägung, kein „je mehr, desto besser“.
4. Überfettung heißt nicht, dass du ein bestimmtes Öl gezielt „retten“ kannst
Viele glauben, wenn sie ihr teures Arganöl erst ganz am Schluss dazugeben, bleibe genau dieses Öl unverseift in der Seife erhalten. Ganz so funktioniert die Chemie leider nicht. Die Verseifung sucht sich ihre Moleküle nicht höflich nach Reihenfolge aus. Du kannst die Wahrscheinlichkeit ein wenig beeinflussen, indem du ein Öl spät dazugibst – aber garantiert „gerettet“ ist es damit nicht. Deine Überfettung ist immer eine Mischung aus allem, was im Topf war. Eine Ausnahme gibt es nur bei der Heißverseifung. Dort kannst du vor dem Abfüllen des Seifenleims noch dein Überfettungsöl zugeben und es somit gezielt unverseift lassen.
5. Überfettung ist nicht dasselbe wie „rückfettend“ auf einer Werbe-Banderole
„Rückfettend“ beschreibt die Wirkung auf der Haut, Überfettung ist die Methode, mit der du diese Wirkung erzeugst. Das eine ist Marketing-Sprache, das andere ein konkreter Rechenwert in deinem Rezept. Wenn dir jemand eine „besonders rückfettende“ Seife verkauft, sagt das noch nichts darüber, wie sauber sie zusammengestellt wurde. Schau auf die Rezeptur, nicht auf das Etikett.
Fazit: Überfettung ist der Hebel, der aus Seife Hautpflege macht
Überfettung ist keine geheime Zauberzahl und kein Sicherheitsnetz für schlampiges Rechnen. Sie ist die bewusste Entscheidung, einen Teil deiner Öle unverseift in der Seife zu lassen, damit sich deine Haut anschließend gepflegt anstatt ausgetrocknet anfühlt. Wie viel du nimmst, hängt davon ab, was deine Seife leisten soll – mild und reichhaltig oder fest und kräftig reinigend.
Und genau das ist für mich das Schöne am Selbersieden: Du hast diesen Hebel in der Hand. Mit ein bisschen Verständnis dafür wird aus „Ich nehme einfach mal 8 %“ ein bewusstes „Ich nehme 8 %, weil …“. Wenn du tiefer einsteigen und deine eigenen Rezepte sicher zusammenstellen und berechnen möchtest, schau dir an, wie wir zusammenarbeiten können – ich begleite dich gern dabei.
Und um die Frage nach meiner Vorliebe zu beantworten: Ich wähle bei den meisten meiner Seifen 8% Überfettung und gebe dann oft noch zusätzliche Fettquuellen wie Ziegenmilch dazu, so dass die endgültige Überfettung noch höher liegt. Damit komme ich super zurecht, auch für meine Haare.

