In meinem Rezept für Deine allererste Seife steckt Palmöl. Ganz bewusst. Und ja, ich weiß, dass das im ersten Moment aufhorchen lässt – Palmöl, das ist doch der Stoff, um den wir alle einen großen Bogen machen sollen, oder? Genau darüber will ich heute mit Dir sprechen. Denn meine Antwort auf die Frage „Palmöl oder palmölfrei?“ ist längst nicht so einfach, wie ich mir wünschen würde.
Vor 20 Jahren war Palmfett einfach ein normaler Rohstoff – heute seh ich das kritischer
Als ich vor über 20 Jahren mit dem Seife sieden angefangen habe, war Palmöl kein Thema. Wir haben es genutzt, ohne uns groß Gedanken zu machen. Auch als ich 2020 mein Einsteiger-Rezept für den Workshop zur ersten Seife zusammengestellt habe, war Palmöl kaum Thema. Es gab die gute alte Palmfettstange schlicht im Edeka zu kaufen, gleich neben Kokosfett und Butterschmalz. Punkt. Meine Teilnehmerinnen konnten losziehen, alles beisammen haben und ihre erste Seife sieden, ohne halb Deutschland nach Spezialzutaten abzugrasen.
Und dann verschwand die Fettstange aufgrund der politischen Diskussionen nach und nach aus dem Regal. Zack. Nix mehr mit „mal eben im Supermarkt alle Fette und Öle besorgen“. Und immer mehr Kundinnen haben (weil sie sich zu Recht mit der Problematik auseinandergesetzt haben) gesagt: Ich würde gern ohne Palmfett anfangen, geht das? Also habe ich mich hingesetzt und Alternativen überlegt und getestet. Herausgekommen ist ein palmölfreies Rezept mit Olivenöl und Kakao- und/oder Sheabutter. Es funktioniert – wirklich. Aber ganz ehrlich? Das klassische Rezept finde ich vom Schaumverhalten her einfach schöner. (Und ich sage sowas nicht leichtfertig, ich habe beide Varianten oft genug in der Hand gehabt 😉)
Warum ausgerechnet diese Öle? Ganz einfach: Palmöl sorgt in der Seife vor allem für Härte und Langlebigkeit. Genau diese Aufgabe übernehmen bei mir die festen Butter – Kakao- und Sheabutter machen das Stück schön hart und haltbar, ohne dass es schmierig wird. Und das Olivenöl bringt die milde, pflegende Note, die eine gute Seife braucht. Nur beim Schaum muss ich ehrlich bleiben: Da hat das klassische Rezept noch die Nase vorn. Wenn Du genauer verstehen willst, welches Fett in Deiner Seife eigentlich was macht, schau mal in meinen ultimativen Guide für Öle & Fette zum Seifensieden – da nehme ich die einzelnen Öle in Ruhe auseinander.
Warum ausgerechnet im Anfänger-Rezept?
Jetzt kommt der Teil, der manche überrascht: Ich selbst siede mittlerweile fast palmölfrei. Warum gebe ich dann im Anfänger-Rezept trotzdem die Palmöl-Variante an?
Weil ich nach Jahren am Seifentopf inzwischen „aus dem Bauch“ ein Gefühl dafür habe, welches Rezept gelingt. Das hat man am Anfang aber noch nicht. Und da finde ich es sinnvoller, Dich mit einem gelingsicheren Rezept starten zu lassen, bei dem Du am Ende denkst: „Ah, cool – ich kann das!“ – als mit einem wackeligen palmölfreien Rezept, bei dem Du vielleicht denkst „das wird eh nix“ und die ganze Sache frustriert wieder hinschmeißt.
Palmöl macht es einem am Anfang einfach leicht: Es macht die Seife hart, langlebig und schön schaumstabil, ohne dass Du drei Stellschrauben gleichzeitig im Blick haben musst. Erst das Erfolgserlebnis, dann die Feinheiten – in dieser Reihenfolge lernt es sich am schönsten.
„Kein Palmöl!“ – warum mir das zu kurz gedacht ist
Dass Palmöl ein echtes Problem sein kann, will ich überhaupt nicht kleinreden. Für Ölpalmen wird Regenwald gerodet, Lebensräume verschwinden, und laut IUCN sind 193 bedrohte Arten betroffen – darunter Orang-Utans, Gibbons und Tiger. Allein in Indonesien hat sich die Anbaufläche seit 1990 nach WWF-Angaben etwa verzehnfacht. Das ist nichts, worüber man locker hinweggeht.
Und trotzdem: Der Reflex „dann eben gar kein Palmöl“ ist mir zu einfach. Denn die spannende Frage ist ja, was stattdessen in die Seife wandert. Und hier wird es unbequem.
Die Ölpalme ist nämlich die mit Abstand ertragreichste Ölpflanze überhaupt. Ein Bericht der Weltnaturschutzorganisation IUCN kam 2018 zu dem Schluss: Ein Palmöl-Boykott würde die Zerstörung nicht stoppen, sondern nur verschieben. Palmöl wächst auf rund 10 % der weltweiten Öl-Anbaufläche, liefert aber etwa 35 % des pflanzlichen Öls. Andere Ölpflanzen wie Raps, Soja oder Sonnenblume brauchen für dieselbe Menge bis zu neunmal mehr Fläche. Wer also nur das Öl austauscht, verlagert das Problem oft einfach woanders hin.
Selbst der WWF sagt sinngemäß: „Kein Palmöl ist auch keine Lösung.“ Er hat 2004 sogar den Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) mitgegründet, statt zum Boykott aufzurufen. Und – das fand ich besonders augenöffnend – eine vieldiskutierte Studie hat sogar behauptet, dass Kokosöl pro Tonne mehr Tierarten gefährdet als Palmöl. Die Studie ist umstritten (in absoluten Zahlen bedroht Palmöl mehr Arten, und die Rechnung wurde heftig debattiert) – aber sie zeigt genau das, worauf es mir ankommt: Auch die vermeintlich „saubere“ Alternative hat ihren Schatten. Bei Kokosöl lohnt sich der Blick auf den Anbau genauso wie beim Palmöl.
Was ich Dir also wirklich empfehle
Ich verteufle keinen Rohstoff pauschal. Ich mag es nicht, Dinge polemisch in Gut und Böse zu sortieren – das Leben (und die Seifenküche) ist selten so schwarz-weiß. Deshalb gebe ich Dir in meinem Workshop beide Wege an die Hand: das klassische Rezept mit Palmöl und die palmölfreie Alternative. Du darfst selbst entscheiden, womit Du starten willst.
Mein einziger Wunsch dabei: Triff die Entscheidung bewusst. Ein bewusster Einsatz von Palmöl ist meiner Meinung nach völlig in Ordnung – nicht, weil du einen billigen Rohstoff suchst ohne drüber nachzudenken, sondern weil Du eine ganz bestimmte Eigenschaft der Seife haben möchtest. Und genau darum geht es beim Seifesieden überhaupt: Öle und Fette bewusst auszuwählen, statt blind einem Schlagwort zu folgen. Setz Dich mit dem Warum auseinander – und dann geht es übrigens mit ein bisschen Übung auch prima ganz ohne Palmfett.
Und falls Du gerade ein schlechtes Gewissen hast, weil in Deinem Lieblingsrezept Palmöl steckt: Lass Dich davon bitte nicht lähmen. Fang an, lern das Handwerk, bekomm Dein Erfolgserlebnis – und wachse dann in die bewussteren Entscheidungen hinein. In dieser Reihenfolge. Alles andere kommt von ganz allein.
Wie hältst Du es mit dem Palmöl in Deinen Seifen? Bist Du Team „klassisch“ oder Team „palmölfrei“ – und warum? Schreib es mir doch in die Kommentare, ich bin ganz gespannt 🙂
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